Mittwoch, 23. Januar 2008

Dienstag, 22. Januar 2008

Angewandte Völkerverständigung

Essen ist eine Leidenschaft. Wer nicht gerne isst, egal ob gourmet oder gourmand oder eine Mischung aus beiden, ist dem gelernten Österreicher verdächtig. Viele Verdächtige gibt es in den Ländern, die wir zurzeit bereisen, nicht.

Diese Auffassung ist wahrscheinlich pragmatisch begründet: Wer gerade kocht oder kaut ist meistens nicht in der Stimmung, Kriege anzuzetteln oder Kinder zu verhauen.

Was man unbedingt für ein schmackhaftes Essen überall auf der Welt braucht, das sind hochwertige Zutaten. Davon gibt es im Vorderen Orient reichlich.

In der Türkei und Syrien haben die Märkte einen hohen Stellenwert im Alltag. Überwiegend Männer kaufen die Lebensmittel ein. Merkwürdig.

Auf alle Fälle schmecken hier die Paprika mehr nach Paprika und der Käse mehr nach Käse und überall riecht es nach Gewürzen, Seife, Rosenwasser, frisch geröstetem Kaffee…

Ein Wunder, bei all dem Smog, dem Abgasgestank der zwar schönen aber zum Teil sehr alten Autos und dem ewigen Zigarettenqualm überall.

Bei uns in Berlin sind Märkte mittlerweile eher etwas für lifestyle Artisten (Winterfeldtmarkt) oder nur für einen Teil der Bevölkerung Quelle für den täglichen Bedarf (Maybach-Ufer).

Vielleicht ist für den intelligenten Umgang mit Nahrungsmitteln ein Markt, auf dem der Käufer den Produkten ihre Herkunft ansehen bzw. ihren Entstehungsort und ihre Entstehungsweise erfragen kann, eine unverzichtbare Voraussetzung?

Der Aleppiner Suk liegt am Zitadellenhügel. Das überdachte Gassengewirr erstreckt sich über mehr als 12 km und damit ist der Suk von Aleppo vermutlich der größte des Vorderen Orients. Der Fleisch- und Fischmarkt beginnt am Fuße des Hügels, bildet also den Einstieg in die Welt der Waren.


Empfindliche Gemüter erschrecken, wenn sie mit den geschlachteten Tieren so unmittelbar konfrontiert werden. Die Gerüche, das Blut, die Tiere, die erkennbar von Haken baumeln, all dies ist Alltag und dürfte auch nicht ohne Einfluss auf das Verhalten der Konsumenten bleiben.

Es gibt Stände an denen Gedärmen gereinigt werden, Stände mit Schafsköpfen, alles wird verwertet. Fleisch ist teuer.


Montag, 21. Januar 2008

Goldhändler im Suk

Wir entschlossen uns angesichts vieler vergangener Jahre unsere Eheringe zu erneuern, die alten waren durchgescheuert. Wir wollten bei einem der ungezählten Goldhändler im Suk inmitten all dieser glitzernden Pracht trotz fehlender Sprachkenntnisse zwei Ringe erwerben.

Wir fanden einen Händler, wir fanden zwei Ringe, aber das Beste war die Szene, die wir während dieses Kaufes miterlebten.

Eine muslimische Familie, die Mutter, zwei teenage Töchter, erstgeborener Sohn und Schwiegertochter mit Baby dazu die Großmutter, bestimmt über 80.

Der Schmuckhändler legt in rascher Folge allerlei Schmuckstücke auf den Verkaufstresen, die Mutter mustert die Ware. Es geht nicht so sehr um Design, es geht um Gewicht und um Sicherheit. Der Händler betont bei jeder Kette und bei jedem Armband die Sicherheit des Verschlusses und der Verbindung der einzelnen Glieder.

Schön langsam dämmert uns: hier geht es um Gold als Wertanlage, als Inflationsbekämpfungsmittel, als Kiloware!

Als die Familie bemerkt, dass uns das alles interessiert, entblößt die Großmutter zuerst ihr linkes Handgelenk und dann ihr rechtes, unzählige Goldarmbänder sind zu sehen. Eine unmerkliche Bewegung und an ihrem Hals kommen zwei lange, schwere Goldketten zum Vorschein. Die zarte Dame trägt Gold mit sich herum, dessen Gewicht sie eigentlich zum Schwitzen bringen müsste. Genauso schnell wie die Schätze aufgeblitzt sind, verschwinden sie auch wieder unter ihrem schwarzen Mantel.

Harmlos lächelnd widmet sie sich wieder ihrer Gebetskette.

Interessant vielleicht auch, dass im Jahre 2007 die ersten beiden muslimischen Banken in Syrien eröffnet wurden (nach einer Empfehlung von Ernst & Young).

Und der Händler strahlt und sagt, soviel Geld, die Geschmeide dieser Dame einzutauschen, hätte er nicht.

Seither rätseln wir, wer von den Schwarzgewandeten wohl darunter wie die Bank von England bestückt ist.

Sonntag, 20. Januar 2008

Straßenleben in Aleppo


Felafel hier, Felafel dort, Torten und Süßigkeiten satt. Alle Stände und kleinen Lokale sind wirklich gut besucht, allerdings von Männern.


Wie überhaupt im Straßenbild die Frauen in Aleppo unterrepräsentiert sind. Vor allem in den frühen Morgenstunden bis Nachmittags kommen Frauen nicht vor.

In den Läden und auch im Souk gibt es demgemäß ein auffällig großes Angebot an allen Arten von wohligen Hauskleidern und kuscheligen Anzügen für Zuhause. Merkwürdig.

Männer, Männer, Männer – sie dominieren das Straßenbild, das Gedränge des Eingangs zum Souk ebenso wie den zentralen Saad Allah al Jabri Platz. Und Bashar el-Assad ist überall dabei.

In den Haupteinkaufszeiten von 17 Uhr bis 20 Uhr kaufen auch die Frauen ein, in den Läden und auch im Souk.

Wenn man Einheimische dazu befragt und es sich um Christen handelt, von denen es in Syrien ca. 10 % gibt, dann antworten sie, dass ihre Frauen selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, was man ja im christlichen Bezirk Al Jedaydea jederzeit beobachten könnte. Die Muslime aber hätten Angst um ihre Frauen.

Beobachten kann man, dass die Fraktion der schwarzgekleideten Frauen sehr groß ist und dass auch die totalverschleierten Damen, bei denen es nicht einmal einen Schlitz für die Augen gibt, unübersehbar sind.

Elegant sehen sie alle aus, wenn sie in Gruppen in einen Laden schweben, aber essen oder Kaffee trinken sieht man sie in der Öffentlichkeit kaum.

Die geheimnisvolle Verhüllung fördert natürlich die Spekulation, bei Frauen, bei Männern aber eben auch bei Touristen.

Hotel Baron

Endlich in Aleppo, statt um 15 Uhr um 19 Uhr, in unseren Augen beste Ankunftszeit.

Wir freuen uns, dass wir wieder im Hotel Baron wohnen können. Dieses Hotel ist Luxus: alles hier ist vollkommen unvollkommen.

Großzügige Eingangshalle, eine Haupttreppe, die eigentlich nur Stars benutzen dürften, ein Frühstücksraum, in dem jeder automatisch leise spricht und der 72-jährige Frühstückskellner Joseph, der allen Damen ab 40 die Hand küsst – natürlich nur, weil er in ihnen seine Schwester sieht.

Gut vorstellbar, dass sich Agatha Christie wohlgefühlt hat, als sie ein paar Kapitel ihres Romanes Murder on the Orient Express in diesem Hotel zu Papier brachte. Mit Joseph hätte sie bestimmt einige Grundsätze der modernen emanzipierten Frau diskutiert.

Sowohl der Colonel der britischen Armee T.E.Lawrence als auch der Begründer der modernen Türkei Kemal Atatürk hatten ihr Quartier im Hotel Baron und vielleicht haben sie vom Hotelfenster aus Enten erlegt, die im Park rund um das Hotel zur leichten Beute wurden.

Das Gebäude befindet sich heute an einer vielbefahrenen Strasse, in der das Gehupe auch in der Nacht niemals enden will.

Und dazu bröckelt leise der Putz und die Bar ist seit vierzig Jahren nicht mehr restauriert
worden. Hier könnte man gut das Ende aller Tage abwarten!

Das aber ist ganz und gar unmöglich, wenn man weiß, wie gut die Straßenküche in Aleppo ist.

Freitag, 18. Januar 2008

Offizier an der Grenze


Wir fahren morgens um 9 Uhr mit dem Schlafwagen von Haydarpasar los und sollen am nächsten Tag um 15 Uhr Aleppo in Syrien erreicht haben. Wir sind alte Hasen und wissen, dass es sich um eine liebenswerte Illusion handelt, die von der türkischen Bahn gern genährt wird, nur um im Anschluss von der Realität konterkariert zu werden. Das Abteil mit zwei Betten ist komfortabel und jede Verspätung ist akzeptiert und wird für Lektüre und Gespräche genützt. Diesmal ist der Schlafwagen ziemlich voll, wie immer handelt es sich um eine bunte Gesellschaft:

Ein Oranienburger, der in Damaskus einen Sprachkurs besucht, eine Hamburgerin, die dort irakische Flüchtlinge betreut, eine Gruppe von vier zwanzigjährigen philippinischen Jungs, die in Damaskus studieren, ein junger Neuseeländer, der schon überall in der Welt war (caution: the kiwis are taking over) und eine Gruppe von Syrern, mit denen wir leider wie so oft nicht sprechen können. Deren Frauen zeigen sich noch nicht einmal an der Grenze und ihre Abendtoilette scheint sehr aufwendig.

Die Nacht verläuft ruhig, wir erreichen die türkische Grenzstation Islahiye mit lächerlichen zwei Stunden Verspätung. Nach der türkischen Passkontrolle bleibt genug Zeit für einen Tee im Bahnhofsbufet. Der Zug wird nicht ohne uns losfahren, schließlich besteht er nur mehr aus unserem Schlafwagen und einer Diesellok.

Am Übergang zu Syrien wird uns erst so richtig bewusst, dass diese Grenze bald oder nicht so bald die Außengrenze der europäischen Union sein wird. Das Ausmaß der Veränderungen für die Bewohner wird groß sein, die Belastungen ebenso. Zurzeit wachsen die Kinder hier noch in einer verkehrsarmen Idylle auf und winken fröhlich den Reisenden im klapprigen Zug.


An der syrischen Grenzstation Meydan Ekbez heißt es nun, den auf der Zugfahrt gelernten entschleunigten Zeitbegriff auch anzuwenden.

Die syrischen Beamten haben das Sagen und es wird ausgefüllt, eingetragen, geplaudert, gestempelt, entschieden, genehmigt, geschäftig hin und her gelaufen. Der wichtigste Mann ist ein Offizier mit vier Sternen, der das letzte Wort hat.

Ihm werden die Papiere schlussendlich vorgelegt. Als ein Untergebener ihm einen Pass reicht, wird er plötzlich sehr unangenehm. Ohne ein einziges Wort Arabisch zu verstehen, werden wir Zeugen einer Abkanzelung. Der Beamte hatte nicht berücksichtigt, dass der Neuseeländer noch kein Visum für Syrien hat.

Wir stellen uns auf eine lange Wartezeit ein. Überaschenderweise wurde dieses Visum dann ungewöhnlich schnell ausgestellt und eine Viertelstunde später war alles erledigt. Die Erklärung war einfach: Syrien hat keine diplomatische Vertretung in Neuseeland.

Vielleicht wollte der syrische Offizier mit seiner Zurechtweisung demonstrieren wie sehr ihm an einer professionellen Abwicklung der Formalitäten liegt?

Der eingeschüchterte Grenzer hat jedenfalls während des gesamten Ausbruchs seines Vorgesetzten die Zigarette nicht aus der Hand gelegt. Rauchen im Beisein des Vorgesetzten scheint kein Verstoß gegen die guten Sitten zu sein.

Langsam schwankt der Zug Richtung Aleppo.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Drei Stockwerke voller Liebespaare

Charlottenburg adé – hallo Istanbul. Unseren vertrauten Bezirk in Berlin mit seinen in Ehren ergrauten Künstlern, Journalisten, Lehrern… - zum Glück ein wenig belebt von deutschtürkischen Einwanderern in der zweiten Generation, die das Wagnis des Kinderkriegens noch vor Ihrem 40. Geburtstag eingegangen sind - tauschen wir ein gegen Teshvikiye, den Bezirk in Istanbul, in dem unsere Freundin Aydan ihren Lebensmittelpunkt hat.

Junge Menschen, sie dominieren das Straßenleben und sind einfach überall. Diese Stadt ist wirklich jung und gibt viele Rätsel auf.

Wie schaffen es die Istanbuler mit den Verhältnissen in dieser Stadt Schritt zu halten? Das Preisniveau eines Warenkorbs bestehend aus Grundnahrungsmitteln entspricht ziemlich genau unserem deutschen. Wie viele Jobs müssen die Istanbuler ausüben, um diesen Bedingungen gerecht zu werden? Wir wissen es nicht, aber die müden Gesichter, die man auch in den Straßen sehen kann, erzählen eine eigene Geschichte.

Das Tempo der Stadt ist groß, keine Zeit für Müßiggang, eine Großstadt, aber eben auch boomtown, Veränderungen in einer Geschwindigkeit, die die Einwohner verkraften müssen. Andrerseits – wenn es stimmt, dass die Türken mehrheitlich für die Mitgliedschaft in der EU sind und sich viel davon versprechen, dann ist Istanbul schon jetzt eine europäische Stadt, zumindest den Einzelhandel betreffend. Es gibt viele Einkaufszentren, die genau so auch in Budapest, Wien oder Belgrad zu finden sind.

Was einem gelernten Berliner sofort auffällt ist wie chic viele Istanbuler gekleidet sind. Nichts von der bei uns verbreiteten laisser faire Mentalität, die Istanbuler haben Freude an der Mode, das ist sogar im Winter zu sehen bei Schneetreiben und Kälte.

Auf der anderen Seite des Bosporus auf der asiatischen Seite in Kadiköy, wo es fünf Minuten von der Bootsanlegestelle entfernt einen wunderbaren Lebensmittelmarkt zu besichtigen gilt, findet man viele lässig gestylte junge Leute.


Sie bevölkern die Cafés, kleine niedrige Räume und enge Treppen aus gediegenenen Materialien bis in den dritten Stock. Die jungen Männer tragen hier die Haare länger, die Gespräche unter Freunden dauern länger und die Besucher halten sich auch bei nur einem Glas Tee sehr lange bei Spielen auf. Wir meinen, ein wenig Hippy-Flair zu spüren, auf alle Fälle herrscht ein liberaler Geist und ein echtes Interesse für uns wesentlich Ältere. Wir sind in der Minderheit.

Der stärkste Eindruck aber ist, dass diese Kaffeehäuser voll sind von Liebespaaren, die diskret aber unübersehbar flirten, dass es eine Wonne ist.

Blitzende Augen, zusammengerückte Gesichter, vertraute leise Gespräche. Klar doch – eine Menge junger Leute ergibt eine Menge Liebespaare, schön, wenn man sie auch sehen kann.